Plötzlich Woanders

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Von Andrea Hamacher, Ressort PUK
Interviewpartner: Nabil Hamy

Bitte stell dich kurz vor!
Guten Tag. Mein Name ist Nabil Hamy. Ich bin 30 Jahre alt, bin kurdischer Abstammung und komme aus Amude. Seit Oktober 2020 mache ich eine Ausbildung in MARIENBORN Pflege St. Elisabeth zur Pflegefachkraft.

Wie bist du nach Deutschland gekommen?
Mit 10 Jahren bin ich mit meinen Eltern und meinen beiden jüngeren Schwestern nach Deutschland gekommen. Aus Syrien mussten wir von heute auf morgen aufgrund von politischen Problemen aufbrechen und flüchten. Zunächst war ich verloren – in einem Land, das ich nicht kannte, mit einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich habe mich in Deutschland eingebürgert und bin froh, dass ich von Anfang an willkommen war.

Wie hast du dich in Deutschland eingelebt?
Obwohl ich bereits 10 Jahre alt war, musste ich in der ersten Klasse einsteigen, um Deutsch zu lernen. Zur schnellen Erlernung der Sprache war sehr viel Fleiß nötig. Bereits nach sechs Monaten konnte ich mich in der Schule so gut artikulieren und verständigen, dass ich nach einem Test in Rechtschreibung, Grammatik und Mathe altersentsprechend im 4. Schuljahr eingestuft wurde. 

Welche kulturellen Unterschiede fallen besonders auf?
Die deutsche Pünktlichkeit. In Syrien sind die Menschen so gelassen und so herzlich, dass man auf dem Weg zur Arbeit schon bei mehreren Freunden zum Frühstück oder Kaffee eingeladen wird. Da kann der
Arbeitsweg schon mal länger dauern.
Ins Rheinland bin ich an Rosenmontag gezogen. Das war im ersten Moment ein kleiner kultureller Schock für mich. Aus Bayern kannte ich Fasching, aber Karneval in Köln ist keine kleine Party mit Konfetti.
Auch sprachlich habe ich mich bei Bayrisch und Kölsch manchmal gefragt, ob das wirklich Deutsch ist.

Wie ging es danach weiter?
Im Anschluss an meinen Schulabschluss habe ich eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht und danach mehr als zwei Jahre in diesem Bereich gearbeitet. 2015 kamen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland: In den Augen der jungen Menschen habe ich die gleiche Hilflosigkeit gesehen, die ich empfunden habe, als ich als Kind in Deutschland ankam. Hier wollte ich gerne helfen und habe mich nebenbei
ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Welche Aufgaben hast du in der Flüchtlingshilfe übernommen?
Meine Aufgabe war die Vermittlung zwischen Stadt bzw. Behörden und den geflüchteten Menschen. Hier hatte ich nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Vorteile. Die Flüchtlinge haben mich oft
als einen von ihnen gesehen und mir deswegen vertraut. Sie waren dann oft überrascht, wenn sie gemerkt haben, dass ich mich akzentfrei auf Deutsch verständigen kann. 

Was war deine Motivation?
Die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen, war mir schon immer sehr wichtig, sodass ich die Flüchtlingshilfe von 2015 bis 2020 zu meinem Hauptberuf gemacht habe. Erfüllt hat mich die Aufgabe
am Ende nicht mehr, weil der Mensch immer mehr in den Hintergrund rückte und der Verwaltungsaufwand immer größeren Stellenwert hatte.

Warum hast du dich für eine Ausbildung in der Pflege entschieden?
Erstmal war es eine komische Situation, nochmal bei null anzufangen und alles neu zu lernen. Aber der Beruf ist es mir wert und die Ausbildung gefällt mir sehr gut. Morgens stehe ich mit gutem Gewissen auf, weil ich weiß, dass ich helfen kann und das Richtige mache. Mein Ziel war es, wieder direkt mit dem Menschen zusammen zu arbeiten. Genau den Leuten, die das Land nach dem Krieg wiederaufgebaut haben und die den Grundstein für unser gutes Leben gelegt haben, kann man heute durch gute, qualitative Pflege etwas zurückgeben und ihnen so Freude und Lebensqualität schenken. Gerade in der Langzeitpflege sind die Bewohner wie eine zweite Familie. Durch meine Begeisterung habe ich meine Schwester motiviert, auch ihre Ausbildung bei MARIENBORN Pflege zu machen. Gerne möchte ich mich nach meiner Ausbildung durch Fort- und Weiterbildungen weiter qualifizieren, aber dabei den Kontakt zu den Bewohnern nicht verlieren.

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